Entfremdung
Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems
Rahel Jaeggi
10/2005
Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie Bd.8
2005. 267 S. 21,5 cm
EUR 24,90
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Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie
Kaum ein Begriff hat das Schaffen der ursprünglichen Kritischen Theorie stärker und mit größerer Selbstverständlichkeit bestimmt als der der "Entfremdung ". Es war erst gar nicht nötig, den terminologischen Gehalt des Begriffs festzulegen oder zu umreißen, weil er als nahezu evidenter Ausgangspunkt aller gesellschaftstheoretischen Analysen gelten konnte: So undurchschaubar die sozialen Verhältnisse auch sein sollten, so sehr sie sich auch verkompliziert haben mochten, an der Tatsache ihrer entfremdeten Gestalt bestand unter Adorno, Marcuse und Horkheimer nicht der geringste Zweifel. Aus heutiger Sicht wirkt dieser theoretische Hintergrundkonsens mehr als befremdlich; denn die Autoren, allen voran Adorno, hätten doch wissen müssen, dass der Begriff auf Prämissen beruht, die ihren eigenen Einsichten in die Fallstricke vorschneller Verallgemeinerungen und Objektivierungen widersprechen. Der Begriff der Entfremdung, in seiner sozialphilosophischen Bedeutung ganz und gar ein Produkt der Moderne, setzt bei Rousseau nicht weniger als bei Marx und seinen Erben eine Wesensbestimmung des Menschen voraus: Das, was als entfremdet diagnostiziert wird, muss sich von etwas entfernt haben, demjenigen fremd geworden sein, was als die eigentliche Natur des Menschen, seine wahre Essenz gelten kann. Die philosophische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat diesseits und jenseits des Atlantiks solchen essentialistischen Bestimmungen den Garaus gemacht; inzwischen wissen wir, dass wir auch dann, wenn wir bestimmte Universalien der menschlichen Natur gar nicht bezweifeln, von einem "Wesen" des Menschen, seinen "Gattungskräften" und originären Zielsetzungen nicht mehr in einem objektivistischen Sinn reden dürfen. Eine Folge dieser theoretischen Selbstkorrektur war das Verschwinden der Entfremdungskategorie aus der lebendigen Umgangssprache der Philosophie. Und in nichts mag sich die Gefahr des Veraltens der Kritischen Theorie deutlicher bekunden als im Ersterben ihres einstigen Schlüsselbegriffs.Gleichwohl hat es in den letzten Jahren nicht wenige gegeben, denen unserem philosophischen Vokabular etwas zu fehlen schien, wenn ihm der Begriff der Entfremdung nicht mehr zur Verfügung steht. Häufig kommen wir kaum umhin, individuelle Formen des Lebens als entfremdet zu beschreiben, nicht selten neigen wir dazu, gesellschaftliche Zustände nicht deswegen als verfehlt, als falsch zu betrachten, weil sie Prinzipien der Gerechtigkeit verletzten, sondern weil sie Bedingungen unseres Wollens und Könnens widersprechen. In derartigen Reaktionsformen auf Zustände unserer sozialen Umwelt scheinen wir auch dann unweigerlich stets wieder auf den Begriff der Entfremdung zurückzugreifen, wenn wir um seine essentialistischen Gefährdungen wissen; so veraltet die Rede von der Entfremdung auch sein mag, aus unserem diagnostischen, kritischen Vokabular ist sie offensichtlich nicht einfach wegzudenken.
Vorwort (Axel Honnet )
Einleitung
I. Die Beziehung der Beziehungslosigkeit: Zur Rekonstruktion eines
sozialphilosophischen Motivs
1. A stranger in the world that he himself has made - Begriff und
Phänomen der Entfremdung
2. Exkurs: Marx und Heidegger - Zwei Varianten der
Entfremdungskritik
3. Struktur und Problematik der Entfremdungskritik
4. Über-sich-verfügen-Können - Zur Rekonstruktion des
Entfremdungsbegriffs
II. Sein eigenes als ein fremdes Leben leben: Vier Fälle
1. Seinesgleichen geschieht - Das Gefühl der Machtlosigkeit und die
Verselbstständigung eigener Handlungen
2. Ein blasser, halber, fremder, künstlicher Mensch - Rollenverhalten
und Authentizitätsverlust
3. Sie als nicht sie - Selbstentfremdung als innere Entzweiung
4. Wie durch eine Wand von Glas - Indifferenz und
Selbstentfremdung
III. Entfremdung als gestörte Welt- und Selbstaneignung
1. Wie ein Gebilde aus Zuckerwatte - Selbstsein als Selbstaneignung
1. Das Selbst als Aneignungsprozess
2. Unverfügbarkeit und Innerlichkeit
3. Selbsterfindung und Multiplizität des Selbst
2. Sein eigenes Leben leben - Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung
und Authentizität
1. Selbstbestimmung und Selbstentfremdung
2. Selbstverwirklichung und Weltaneignung
3. Selbstentfremdung und Einzigartigkeit
3. Schluss: Man selbst im anderen sein - Sozialität des Selbst,
Sozialität der Freiheit .
Literaturverzeichnis
"Entfremdung" beherrschte als gesellschaftskritischer Begriff die von Marx inspirierten Diskussionen der Studentenbewegung, war zuletzt jedoch aus dem Repertoire kritischer Gesellschaftsanalyse verschwunden. Rahel Jaeggi eignet sich den Begriff zur Benennung
gegenwärtiger Lebensrealität neu an: Für sie bedeutet er Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber. In anschaulichen Analysen macht sie den Begriff der Entfremdung wieder fruchtbar, um eine kollektive und individuelle Befindlichkeit zu beschreiben, nach der wir uns nicht als autonom gestaltende Subjekte unserer Existenz erfahren, sondern der Dynamik uns bestimmender Zwangsverhältnisse ausgeliefert sind.
Rahel Jaeggi ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Titel zum Thema:
Fremd / Entfremdung Gesellschaft / Psychologie, Psychotherapie, Verhalten Heidegger, Martin Marx, Karl Politische Philosophie Xenologie