Reclams Sachlexikon des Films - 3. Aufl.
10/2011
RECLAMS SACHLEXIKON DES FILMS. Hrsg. von Thomas Koebner. 3. rev. Aufl. Stuttgart 2011. 840 S. mit 148 Abb., Indices, brosch.
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Director's Cut. Der Begriff bezeichnet die Schnittfassung eines Films, die der Regisseur nach eigenen Vorstellungen erstellt hat und die sich als gestalterisch veränderte Version von einer durch das Studio autorisierten und bereits veröffentlichten Aufführungsfassung unterscheidet. Üblicherweise stellt der Regisseur mit dem Director's Cut die ursprüngliche Idee und Aussage wieder her, die er mit seinem Film verfolgte, aber aufgrund restriktiver Eingriffe von Seiten der Geldgeber nicht verwirklichen konnte. Es handelt sich also um eine 'neue' Version, die meist Material enthält, das in der ursprünglichen Kinofassung nicht zu sehen war, sondern aufgrund korporativer Entscheidungen her ausgenommen wurde - etwa um eine bestimmte Altersfreigabe zu erhalten, eine gewisse Spieldauer nicht zu überschreiten oder um die Erzählung an die Rezeptionsstandards eines Massenpublikums anzupassen. Besonders bei großen Studioproduktionen entscheidet bis heute der Produzent oder die Studioleitung über die finale Schnittfassung, was u. U. zu ästhetischen und inhaltlichen Entstellungen des Filmkunstwerks führen kann. Nicht nur merkliche Kürzungen der Spieldauer (z. B. veranlasste das in eine finanzielle Krise geratene Studio RKO nach einer unbefriedigenden Testvorführung von Orson Welles' 'Der Glanz des Hauses Amberson', 1942, die Familienchronik um über ein Drittel zu kürzen), auch gravierende Eingriffe in die narrative und dramaturgische Struktur, das Herausschneiden und
Umstellen einzelner Einstellungen und Szenen, sind nicht selten. Um eine zusätzliche Aufführung von Sergio Leones Gangsterepos 'Es war einmal in Amerika' (1984) im abendlichen Kinoprogramm platzieren zu können, wurde die kunstvoll verschachtelte Zeitstruktur der 227 Minuten langen Final-Cut-Version Leones vom verantwortlichen Studio ruiniert, indem die komplexe Narration in eine chronologisch geordnete Erzählung mit einer Spieldauer von gerade einmal 134 Minuten überführt wurde.
Auch wenn der Regisseur im Hollywoodfilm meist nicht die gleiche Entscheidungsfreiheit besitzt wie der "Auteur" im Independent-Film oder im europäischen Autorenfilm, so wird die bedeutende Stellung des Regisseurs im Herstellungsprozess eines Films auch im Rahmen der kommerziell ausgerichteten Filmproduktion durchaus erkannt und rechtmäßig verankert: Um den künstlerischen Einfluss des Filmemachers auf das abgeschlossene Werk zu stärken, wird dem Regisseur vertraglich (so etwa in den durch die amerikanische Director's Guild erwirkten Verträgen) eine gewisse Zeitspanne - meist sechs bis zehn Wochen - zugesichert, in der er ohne Einmischung des Studios oder des Produzenten in enger Zusammenarbeit mit dem Editor eine erste Schnittfassung erstellt, die einem groben Entwurf seiner Wunschversion der Erzählung entspricht.
Mitunter wird der Begriff "Director's Cut" auch für diesen vom Regisseur vorgelegten, aber noch vorläufigen und nicht komplettierten Rohschnitt benutzt. Bevor diese vom Regisseur betreute Fassung den Prozess des Feinschnitts durchläuft und damit ihre endgültige Form erhält, wird sie häufig in einer Preview vor ausgewählten Zuschauern getestet, um durch eine genauere Anpassung an das Zielpublikum das Erfolgspotential des Films zu erhöhen. Bei ablehnenden Zuschauerreaktionen werden u. U. noch letzte Änderungen am Film vorgenommen, die bisweilen den Nachdreh einzelner Szenen einschließen, die sogar einen durch Produzenten oder Studioleitung geforderten alternativen Filmschluss bilden können. Die beschriebenen Konflikte sind im Produktionsprozess aber die Ausnahme, in der Regel kommt es zu einer Übereinkunft, so dass die durch das Studio veröffentlichte Version eines Films durchaus der Vision des Regisseurs entsprechen kann - ein Director's Cut ist in diesem Fall überflüssig.
Thomas Koebner ist em. Prof. für Filmwissenschaft an der Universität Mainz.
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